Chutziturm Thun

Geschichte

Vom Freundschaftsturm der Thuner

Stadtschützen und Männerchörler

Das historische Mietlokal im Herzen Thuns

Die Herren von Thun errichteten von der zähringischen Zeit in 

der Nähe des heutigen Burgtors eine Festungsanlage mit Turm, 

der nachher als Vorwerk diente für die gewaltige und wuchtige 

heutige Schlossanlage, welche Herzog von Berchtold V. von 

Zähringen nach der Niederwerfung der burgundischen Unruhen 

1190/91 in Angriff nahm und von den Grafen von Kyburg weiter 

ausgebaut wurde. Am Fusse der westlichen offenen Halde des 

Schlossbergs wuchs die Stadt heran: vorerst um die älteste 

Siedlung auf dem Gebiet der Kreuzgasse - Sinnebrücke und 

Freienhof die “Altstadt” ungefähr bis zur heutigen “Krone” und 

nachher die “Neustadt” mit dem Bälliz und dem Gebiet der 

Marktgasse und Unteren Hauptgasse. Um diese Siedlung, vom 

Schlossberg aus gesehen, führte um das Gebiet der heutigen 

geschlossenen Bauweise der Stadt eine turmbewehrte Ringmauer, 

so dass Thun schon im Jahre 1255 als “ villa bene munita” 

bekannt war. die Türme waren einenteils Tortürme mit Spitzdach 

wie das Lauitor, das Scherzligtor und das Berntor; zum anderen 

wurde das Mauerwerk in kurzen Abständen verstärkt durch 

sogenannte Letzitürme mit einer Zinnenplattform ohne Aufbau. 

Zwischen dem Scherzligtor und dem Kühtor (heutige 

Allmendbrücke) waren nicht weniger als 7 bis 8 eingebaute 

Türme, die zum Teil schon im 16. Jahrhundert eingefallen waren 

und Wohnbauten Platz machten, die in die Ringmauer eingebaut 

wurden. Längs der offenen Schlossberghalde ging von der 

südlichen Stadtmauer nach dem nordöstlichen Teil der 

Wehranlage ein Graben oder Verbindungsweg, der bereits im 

Udelbuch von 1385 als “Holon Metzon” erwähnt wird.

Wie seit Jahrhunderten bis in die jüngste Zeit um unseren “Freund-  

schaftsturm” gegeistert hat, so auch bereits um die Urgeschichte unserer 

Stadt. In alten grauen Zeiten soll, wie Lokalforscher behaupten und auf 

die Abruchstelle verweisen, von der Rabenfluh ein gehöriger Mocken 

Nagelfluh abgestürzt sein und den heutigen Schlossberg gebildet haben, 

wodurch der Ablauf der Aare zwischen Schlossberg und der Lauenen 

hinter der Burg hindurch gebildet wurde. Ein späterer Erdschlipf vom 

Grüsisberg deckt diesen Aaerelauf zu und gab dem Ausfluss des 

Thunersees die heutige Richtung. Man verlegte diese Naturereignis in das 

sechste Jahrhundert nach Christi Geburt und bringt es in Zusammenhang 

mit der ungefähr um 660 geschriebenen “Historia Francorum” des 

Chronisten Fredegar, der schilderte wie der “lacus Dunensis” der in den 

Fluss Aarula mündet, in einem Zustand des Siedens geraten sei und eine 

Menge Fische ausgeworfen habe. Da unsere Stadt von lateintreibenden 

Gymnasiasten fast überbevölkert ist, sei ihnen zum Studium und 

Ergötzlichkeit der Urtext dieser Schilderung wiedergegeben: “neo anno 

(IV. regni Theoderici) aqua caldissima in lacu Dunensi quem Arula 

flumen influit sic valide ebullivit ut multitudinem piscium eiecit”. Die 

moderne Geologie, die auch schon ihre Böcklein geschossen hat, verwirft 

die Theorie, dass die Aare oder ein Aarearm seit dem Rückzug der 

Gletscher hinter der Burg durchgeflossen sei. Felsenfest und unbestritten 

bleibt aber der Stadtort unseres Schlossberges.

Diese Türme welche der Stadt ein kraftvolles, aber auch malerisches 

Aussehen gegeben haben, überragen von den gewaltigen Aufbau des 

Schlosses, sind heute gefallen bis unverändert an einen. Das 

Städtchen selbst war ziemlich vernachlässigt bis die Thuner merkten,

dass es so etwas gab wie Konjunktur. Resigniert schreibt Werner 

Engel in seiner prächtigen Schrift “Mein Thun”: “Ehe man jedoch 

Neues bauen konnte, glaubte man das Alte niederreissen zu müssen. 

Ein Reinigungstaumel ergriff unsere Väter. Es war ja auch 

bitternötig. Freiheit und Sauberkeit innen und aussen war die 

Lösung. Freiheit dieser Art war leider nie sehr pietätvoll gewesen. 

Die wunderhübschen Stadttore mussten - wie so manches andere -  

unnötigerweise fallen. Heutzutage macht man das ja anderswo viel 

gescheiter: man schafft Durchgänge zu beiden Seiten derTürme. 

Durch Schaden wird man klug, möglicherweise selbst in Thun.“ Die 

Ringmauer längs der Aare wurde 1844, da wo keine Gebäude waren, 

um die Hälfte niedriger gemacht. Nachdem das Lauitor schon 

1839/40 umgelegt worden war, fiel im nämlichen Jahr 1844 der 

Schwäbisturm oder Lochturm. 1876 liess der Berntorturm und damit 

wohl auch die steinerne Brücke vor dem Berntor das Leben. In den 

Jahren 1895/96 wurde der Turm beim ehemaligen Lauitor mit Mühe 

umgelegt. Der früher in schöner Form und mit gutem Ausmassen 

zwischen Schwäbistor und den Berntor gelegene Venner-Zyroturm, 

erstellt um 1536/37, aber bald als “Venner Zyro’s Gartenturm” in 

Privathände kam, wurde “verarchidekdonnert”, in dem die Gemeinde

von der Grabenseite her den heute wohl überflüssigen “Steiger” -  

oder “Schlauchturm” ankleben, um dann anno 1945 den 

verpfuschten Zyroturm mit Garten zu erwerben! Heute steht als 

einziges und letztes unverändertes Wahrzeichen der verschwundener 

Pracht der “Freundschaftsturm”! 

Wie hat er aber wirklich geheissen? Die Namensgebung der einzelnen

Türme war von jeher eine wechselnde. Der Turm beim Lauitor hiess 

Keibenturm oder Badstubenturm, später Folterturm, schwarzer oder 

Pulverturm, aber Schmiedeturm. Im Ausscheidungsakt vom 2.4.1861 

ging er mit einer Grundsteuerschatzung von Fr. 500.00 an die 

Gemeinde Thun über, die ihn an 3. März 1875 an eine öffentliche 

Steigerung brachte, um an den Höchstbietenden, nämlich Schmied 

Läderach zum Preis von Fr. 16’650.00 alte Franken zugeschlagen zu 

werden. Die in und neben dem Turm befindlichen Schmiede wurde 

später von Vater Kaspar betrieben, bis er in den Werkweg beim alten 

Bahnhof umzog. Dieser Turm hatte aber auch den Namen 

“Chutzenturm”,  offenbar wegen seiner Einwohner im Dachgiebel. 

Im Thunder Heimatbuch findet sich in dem von Dr. Martin Trepp 

verarbeiteten Abschnitt “Bilder aus der Geschichte der Stadt Thun” 

nach Seite 262 eine ungefähr im Jahre 1830 erstellte 

Bleistiftzeichnung des Engländers Burgess über die Gegend des 

Lauitors und dem in Frage stehenden Turm mit der Beschriftung 

“Chutziturm” und “Lauitor”. Die im nämlichen Werk Seite 235 

enthaltene Kartenskizze von Thun nach dem Plan des Berner 

Geometers G. Fisch von 1841 benennt in der beigegebenen Legende 

diesen Turm als “schwarzer oder Chutzenturm”. Anhaltspunkte über 

die Turmbenennung ergeben die Vorschriften des Kriegsrates von 

Bern in den Jahren 1610, 1614, 1627 und namentlich 1652 beim 

Anlass der drohenden Unruhen im Oberland. Nach dem Extrakte aus 

dem Generalmusterungsbuch von 1652 sollte die Besatzung von Thun

aus 243 Mann bestehen, wovon im Schloss ein “Corps de garde” von 

30 Mann im Schlosshof stationiert war und 100 Mann Garnison die 

Schildwach im Gebiet des Schlossberges zu versehen hatten. Die 

übrige Besatzung hatte zur Nacht in Lärmzeiten auf der 

Stadtringmauer Wachposten auszustellen. Der Wachtbefehl führte 

aus, dass der 26. Posten “Uf dem Berntor” zu stehen habe; der 27. 

und 28. “uff der Litze, so vom niederen Litzeturm neben dem 

Bernthor hinauf zum Schloss geht, die einte inmitten der Litze, die 

andere neben dem Turm sein soll”.

Auf ihrer ganzen Strecke war die Ringmauer, wie Paul Hofer  in seinem Vortrag anlässlich der Generalversammlung des  historischen Vereins des Kantons Bern in Thun am 24. Juni  1917 darstellte (Blätter für bern. Geschichte usw. Band 13),  als “Litze” ausgeführt, d.h. sie hatte einen Wehrgang, auf  dem sich die Besatzung hinter den Zinnen bewegen konnte.  Ein Stück des Wehrgangs ist noch erhalten zwischen der  Treppe, die den Eingang zum Schloss-Donjon und dem  Gefängnisbau vermittelt. Wo die Ringmauer an steinerne  Häuser sich anschloss oder wegen absoluter Sturmfreiheit  fehlte, wie z.B. auf dem Kirchhof bei der Schlosskirche  wurden die Wachen in die Häuser verlegt. “Letzi” und “Litzi” sind gleichbedeutend und damit steht fest, dass der in Frage  stehende Turm als “Letziturm” den Eckpfeiler im Wehrgang  vom Berntor nach dem Schloss bildet. Thuner haben sich am Abend des 1. August 1953 in  Anlehnung an den heute gebräuchlichen Namen des  Eckturms den Witz geleistet, auf der Zinne dieses Letziturms  ein Feuer anzuzünden, dies wohl in der Annahme, auf diesem  Turm sei in Lärmzeiten, wie auf den Hochwachten im Lande  herum, ein Alarmfeuer oder “Chutz” abgebrannt worden. Das ist unrichtig oder wie einer der jüngeren ehemaligen  Stadtratspräsidenten im Rate zu sagen pflegte, “Chutzemist”.  Auf keinem unserer Letzitürme unserer Stadtmauer sind  jemals Alarmfeuer abgebrannt worden. In oben erwähnten  Lärmverordnung und dem zugehörigen offiziellen  Standortplan der Wachtfeuer, wie er im Jubuiläumsjahr 1953  als “Wachtfeuerkarte des alten Staates Bern” reproduziert  und veröffentlicht worden ist, figuriert die Stadtbefestigung  Thun nirgends als Standort eines Alarmfeuers, ebensowenig
wie die Befestigungsanlagen anderer bernischen Landstädte und  Schlösser mit Ausnhme des Schlosses Bipp am Rumisberg. Die  Standorte der Alarmfeuer in der Nähe Thuns waren das  Niederfeld bei Wimmis und die Falkenfluh. Schon die bauliche  Einrichtung der Zinne, abgesehen von der mangelnden Höhe,  hätte den Aufbau eines “Chutzen” nach den Vorschriften der  Lärmverordnung nicht gestattet. Die gnädigen Herren von Bern  hätten wohl mit dem Thuner Fraktur geredet, wenn sie aus der  Reihe getanzt hätten mit einem in der befohlenen Organisation  nicht vorgesehenen Alarmfeuer. - Abgesehen hiervon ist auf  feuerpolizeiliche Ueberlegungen hinzuweisen. Die geschlossene  und enge Siedlung der Stadt war äusserst feuergefährlich, gleich  wie es zweitweilig halsbrecherisch gewesen sein muss, zur  Nachtzeit Thun zu durchwandern. Man pflegte sich mit offenen  Lichtern zu versehen, weshalb der Rat am 27. August 1755  verbot, Lichter ohne Laternen im Sommer nach 9, im Winter  nach 8 Uhr, durch die Lauben, über die Säge und unter den  Häusern durchzutragen. Das Waschen in den Häusern war  verboten, weshalb besondere Wasch- und Badehäuser gebaut  wurden. Im Jahre 1716 brannte die Kupfergasse (vom Lauitor bis  zur Kreuzgasse gegen die Sinnebrücke) ab “weil Anna Aeberli,  beim Klatsch mit der Nachbarin, ihre Einsiedebutter über dem  Feuer vergessen und dadurch den Brand veranlasst hat”. Dieser  Brand bewog den Rat, die Quellen des Fuchsloches im Homberg  zu fassen, neue Waschhäuser zu den beiden uralten Badstuben an der Aare zu erstellen, Löschgeräte zu verbessern und  Stadtbrunnen einzurichten. Strassenlaternen wurden von Rat am  26. Juli 1781 bewilligt für die Zeit vom Herbst bis zum Maimarkt,  falls Private deren Kosten trügen und solche fanden sich nicht  (vergl. E Hopf “Beiträge zur Ortsgeschichte von Thun”) Am 13.  Oktober 1786 brannten im Oberbälliz in der Nähe des “nider oder stattlichen Kornmagazin” elf Häuser ab. Das alles sagt genug!
Unser “Freundschaftsturm” trug einen weniger anmächtigen sogar  etwas ominösen Namen, denn er hatte neben der Bezeichnung  “Litzeturm” den Namen “Zuchthausturm” oder “Zuchtturm”. Die  Benennnung “Zuchthausturm” findet sich in der Legende zu den bereits  erwähnten Stadtplan von G. Fisch 1814 (Heimatbuch Seit 235). Die  nämliche Bezeichnung findet sich auch im Ausscheidungsakt für die  Einwohner- und Burgergemeinde von 1861 unter Ziffer 13 des allg.  Ortsgutes, allwo geschrieben steht “der sog. Zuchthausturm östlich vom  Berntor gelegen, ist unter Nr.9 am 18. Dezember 1860  regierungsstatthalteramtlich der Einwohnergemeinde Thun gefertigt  worden, befindet sich unter Nr. 474 brandversichert für Fr. 1000.--, die  Grundsteuerschatzung beträgt Fr. 1300.--.” Unser Lokalhistoriker Ed.  Hopf sel. (gest. 1931) nennt in der bereits erwähnten Abhandlung den  fraglichen Turn immer “Zuchtturm”; hätte sich ein anderer Name zu  seinen Lebzeiten eingebürgert, so würde er ies zweifelsohne vermerkt  haben. Die Namensgebung unseres “Freundschaftsturmes” als “Chutziturm” ist somit eine sprachliche Neuschöpfung mit leicht gefärbtem naturalistisch- humoristischem Einschlag. Der Volksmund hat möglicherweise mit dem  Verschwinden des alten Turmes beim Lauitor , der ein Spitzdach trug und somit keinem “Chutzen” als Alarmfeuer Platz hatte, dafür aber als  Reservat für niedliche Käuzlein angesprochen werden darf wie sie unser  Ornithologe Mühlethaler kürzlich in einer Ritze des Schlosstores sogar  filmen konnte, den heimeligen Namen nicht untergehen lassen wollen.  Unsere Sprache ist etwas Lebendiges und in der Wortschaffung  unbehindert und erbaulich. Der Zufertigungakt des Grundbuchamtes  vom 18. Dezember 1860 (Thun Grundbuch Band 29/653) enthält am  Rande der Grundstüchbeschreibung “Zuchthausturm” von der Hand des  der ältern Generation noch bekannten Papa Krebs aus der Zeit der  Grundbuchbereinigung einen Bleistiftvermerk “Chutzenturm Blatt 707”; die erste offizielle Bezeichnung “Chutzenturm” findet sich im Lagerbuch mit Eintrag vom Mai 1922 und diesen Namen wollen wir anerkennen  und beibehalten als eine von unserer Generation ohne regierungsrätliche Genehmigung. geschaffene Namensänderung.
Der “Chutziturm” ein bisher schitteres Bauwerk,  Unterkunft für Armeleute und sogar für Zigeuner, ist als  Gemeinschaftswerk neu erstanden. Idealisten haben in  aufrichtiger kameradschaftlicher Zusammenarbeit das  ihrige zum Erhalt beigetragen, und es besteht die bestimmte  und schöne Hoffnung, dass er unter diesem Namen auf alle  Zeiten erhalten bleibt. Stadtschützen und Männerchor  haben ihn in treue Hut genommen, baulich und  handwerklich aufs schönste ausgestattet, mit Räumen  als  Visitenstube für geladene Gäste. Was einst der Sicherung  und der Wehrbereitschaft der Stadt diente, wo früher  Wachtposten Ausschau hielten, wird heute zur Stätte der  Geselligkeit  und vereint die Wehrhaftigkeit der Schützen mit dem Lied der Sänger, beides im Dienste unserer Freiheit  und unseres Landes. “Das alte stürzt,  und neues Leben blüht aus den Ruinen” Paul Verléry schreibt in seinem “Dialog mit einem  Architekten”: “Hast du nicht beobachtet, wenn du dich in  dieser Stadt ergingst, dass unter den Bauwerken, die sie  ausmachen, einige stumm sind, andere reden und noch  andere schliesslich, zwar die seltenste, sogar singen.”  Heute ist der “Chutziturm” der singende Turm Thun.